• Der Anfang

    Wenn ich heute darüber nachdenke, wundere ich mich über mich selbst, wie ich auf die Idee gekommen bin, alle möglichen Leute über meine Krebserkrankung zu informieren. Mein Mann und meine Kinder, klar, wir leben ja zusammen. Unsere Kinder sollten auch direkt Bescheid wissen, die Veränderungen würden sie ja sowieso mitbekommen. Meine Eltern mit der Bitte um Hilfe, weil mir gleich klar war, dass Zeiten auf mich zukommen werden, in denen ich einfach Hilfe brauchen würde. Meine Geschwister, Verwandte, Freunde ….. Und so habe ich unbewusst ein Netz gewoben, was unendlich wertvoll für mich werden sollte und mich tatsächlich auf wunderbare Weise durch die anstrengende Zeit getragen hat.

    Um den vielen Fragen nach meinem Befinden und den einzelnen anstehenden Schritten besser Herr werden zu können, habe ich einen email-Verteiler eingerichtet und immer wieder Sammelmails verschickt. Das war enorm praktisch, denn alle waren gleichzeitig informiert. Irgendwann, auch da kann ich nicht mehr sagen, wie ich auf diese Idee gekommen bin, habe ich angefangen, ein Bild von mir mit der mail zu verschicken. Die Nachfrage, wie ich denn ohne Haare aussehe, war sehr groß 🙂

    Und so ist ein wunderbares, glückbringendes Projekt entstanden.

    Meine Gedanken haben eine positive Richtung bekommen – welchen Hut will ich als nächstes basteln, wie soll er aussehen, wie kann ich das hinbekommen? Ich hatte kaum noch Zeit, über den Krebs nachzudenken.

    Das Basteln hat mir viel Spaß gemacht (ich habe schon immer gerne gewerkelt), und ich habe so viele liebe Rückmeldungen bekommen, das war ein unglaublich starker Rückenwind und hat mir so gut durch die schwere Zeit geholfen.

    A wie Anfang.

  • Superkräfte

    Die Landschaft ist so schön. Irgendwie unwirklich, wie eine Zeichnung in einem Kinderbuch. Ein Weg führt mich durch grüne Hügel, vorbei an Häusern, die besonders aussehen. Sie stehen schräg, manche haben ganz hohe, spitz zulaufende Dächer, lustige Fensterläden. Sie stehen da wie hingewürfelt. Dazwischen Bäume mit kugeligen Baumkronen.

    Meine Schritte werden schneller, immer schneller, und plötzlich spüre ich tief in mir eine seltsame Kraft, die in mir aufsteigt. Es fühlt sich an, als ob sie mich emportragen wollte, höher und höher werden meine Schritte, immer weiter vom Boden entfernt. „Nein!“, schreit es in meinem Kopf, „ich will auf dem Boden bleiben, ich kann doch nicht fliegen!“

    Aber die Kraft in meinem Inneren wird immer größer und stärker, ich kann mich nicht dagegen wehren. Meine Füße berühren kaum noch den Boden, und auf einmal fliege ich. „Ich kann nicht fliegen, das geht doch nicht!!“, schreit es wieder in meinem Kopf. Doch diese unbekannte Kraft trägt mich einfach, manchmal lässt sie ein kleines bisschen nach, wenn es in meinem Kopf ganz besonders laut schreit, aber sie verlässt mich nie ganz. Ich fliege! Und wache auf.

    Der Klassiker, es war nur ein Traum. Ich bin noch ganz mitgenommen, der Traum war so intensiv und das Aufwachen so abrupt. Mich beschleichen Ängste. Was soll dieser Traum bedeuten? Engel können fliegen. Soll das heißen, dass ich bald ein Engel sein werde, der in den Himmel fliegt? Werde ich den Krebs nicht überleben?

    Diese Vorstellung macht mir schwer zu schaffen. Habe ich etwa mein Ende geträumt? Die Onko-Psychologin hat eine andere Idee. „Wie wäre diese Idee für Sie,“, fragt sie, „Ihnen wachsen Superkräfte, die Sie durch die Zeit Ihrer Krankheit tragen. So starke Kräfte, dass Sie sogar fliegen können!“.

    Das ist eine wunderbare Idee, die gefällt mir viel besser! Eine große Welle der Erleichterung durchflutet mich. Mir fällt ein Spruch ein, den ich mal irgendwo gehört habe:

    Jedes Ding hat zwei Seiten, und es lohnt sich, jedes Ding von zwei Seiten zu betrachten.

    Das passt, finde ich. Man kann tatsächlich auch immer noch was Gutes finden. Macht ja nix, wenn man sich dafür manchmal ein bisschen Hilfe holt, wenn man selber nicht mehr weiterkommt.

  • Verarbeitung

    Unser Jüngster war 10 Jahre alt, als ich meine Diagnose bekam. Nach dem ersten Schock hat er eine wunderbar humorvolle Art entwickelt, mit dem Thema umzugehen, und mich und die ganze Familie mit seinen Witzchen aufgeheitert:

    Krebs-Mus
    Krebs-Leiche
    Krebs-Loser
  • Jetzt geht’s los!

    Jetzt geht´s endlich los mit der Bearbeitung meines ungebetenen Mitbewohners. Zuerst bekomme ich 6 kombinierte Chemo-/Antikörper-Einheiten, dann die Abschnippel-OP und dann noch mehr Antikörper-Einheiten, insgesamt ein Jahr lang. Puh, eine ganz schön langwierige Angelegenheit! Am besten kriegt man so einen Mist gar nicht erst, aber das kann man sich ja leider nicht aussuchen.

    Ich freue mich, dass jetzt was passiert.

    Und ich freue mich, dass ich in diesem Jahrhundert lebe, dass die Medizin so wahnsinnig enorme Fortschritte gemacht hat und dass dieser Luxus möglich ist, mir diese abartig teuren Medikamente einzuflößen. Ein herzliches Dankeschön gebührt der chinesischen Hamsterin, die vor vielen Jahren einige ihrer Zellen hergegeben hat, woraus oder womit oder wie auch immer ein sehr schlauer Mensch diese Antikörpertherapie entwickelt hat. Da sieht man Tierversuche auf einmal irgendwie ganz anders…

  • Lauter kleine Schritte

    Wieder ein kleines Schrittchen geschafft – der Port ist drin! Er ist in freundlichem Magenta-Lila-Pink gehalten, handlich klein, passt genau unters Schlüsselbein 🙂

    Falls jemand von euch eine gute Idee hat, wie man sich mit einem Fremdkörper im „Eigenkörper“ (was ist eigentlich das Gegenteil von Fremdkörper?) anfreunden kann – immer her damit!

    Im OP unterhält man sich ja so über dies und das, um die Zeit angenehm zu gestalten. Kurz, bevor ich ins Land der Träume verabschiedet wurde (darauf habe ich bestanden. Wer bitte will live mitkriegen, wie sie da an einem rumhantieren?!), wurde ich gefragt, welches Lied ich mit meinen Schülern immer singen würde. Ein Lied habe ich nicht, aber ein Gedicht, das habe ich gleich mal aufgesagt:

    Ich wünsch´ dir einen schönen Tag,
    und dass dich heute jeder mag.
    Dass du gut ausgeschlafen bist,
    und dass dir schmeckt, was du heut´ isst.
    Und dass der Tag bis in die Nacht
    dir – viel – Freude – macht!

    Das fanden alle lustig, sie haben sogar geklatscht 🙂
    Und weg war ich. Nächsten Mittwoch soll ich die erste Chemo bekommen. Hoffentlich klappt´s, ich habe im Moment blöderweise nämlich so ein kleines Schnüpfchen…

    Schritt
  • Mein erster Chemo-Tag!

    Oh là là, war ich aufgeregt! Voll beladen mit einer riesigen Tasche kam ich in der Praxis an. Ich wollte gerüstet sein für den langen Tag:

    dickes Kissensuper
    Bildband nicht angeguckt
    Buch zum Lesenkeine Chance
    3 l Getränksuper
    1 Tüte Keksesuper
    Brotesuper
    Handy mit Over-ear-Kopfhörer vom Sohnperfekt
    Hörbücher                                                                 keine Chance, ich konnte dem Sprecher nicht folgen
    Kabarettdito
    Klassik (Bach, Mozart)perfekt!

                                   

  • O´zapft is!

    Es hat geklappt, ich habe mein „erstes Mal“ hinter mich gebracht!

    Jetzt bin ich von innen vergoldet 🙂 (Danke Sonja für dieses schöne Bild!)

    Ich war bei den ersten, die gekommen sind, und die letzte, die gegangen ist. Bei den nächsten Malen geht´s wohl schneller.

    Es ist aber nicht unbedingt das Schlechteste, wenn man den ganzen Tag in halb liegender Position „rumlümmeln“ kann und dabei so ein bisschen abgeschossen ist ;-))

    Man kann es ja auch so sehen: Durch den blöden Krebs (dieses dulle Arsch, ob er schon gemerkt hat, dass der Angriff gestartet ist?) macht man Sachen, die sehr schön sind, die man aber im „Normalzustand“ nie machen würde.

    Zum Beispiel von 9 bis 16 Uhr gemütlich rumliegen und sich über Kopfhörer ein klassisches Konzert anhören. Da hört man Sachen, die hört man sonst gar nicht! (Nein, ich habe keine Drogen bekommen! :-))

    Unser Jüngster und ich haben einen „Spezialkrebs“ gebastelt, dem wir nun seeehr genüsslich bei jeder überstandenen Chemo ein Stück abschneiden.

    Chemos bekomme ich alle 3 Wochen (wenn die Blutwerte gut sind).

    Nach 6 Wochen wird nachgeschaut, ob der Krebs schon den Schwanz einzieht. (Entschuldigung. Habe gerade wahnsinnig große Lust auf solche derben Sprüche :-))

    Das wird sicherlich nochmal sehr aufregend.

  • Mein ganz eigener Rummelplatz

    So ein Körper ist ja schon eine faszinierende Sache.
    Meiner hat sich zum Rummelplatz umfunktioniert!

    Die Chemos fahren ausgelassen grölend Achterbahn durch meine Blutbahnen und jubeln, wenn sie welche von diesen dullen, trägen Krebszellen ausfindig machen. Dann stürzen sie sich aus den Wagen und machen sich laut schmatzend über die Krebszellen her, die total blöd und verschlafen aus der Wäsche gucken. „Häh? Was iss´n hier los?!“ Zack, weg.

    Die Light-Show kommt recht bescheiden daher, sie kann nur eine Farbe (Rot), zaubert damit aber immerhin in unregelmäßigen Abständen eine schöne Beleuchtung auf Gesicht, Hals und Dekolleté.
    Mein Hirn vergnügt sich gelegentlich beim Kettenkarussell-Fahren, ihr wisst schon, diese tolle Variante, bei der sich das Teil auch mal schräg legt.
    Im Hals sitzt ein Feuerschlucker, der noch in der Ausbildung ist.
    Es geht dauernd was daneben, aber zum Glück gibt´s auf einem Rummel immer irgendwo auch Eis  🙂

    Und ich liege währenddessen faul in meiner Schaukel, lasse mich sachte hin und her schaukeln und genieße die Ruhe, das Vogelzwitschern und den kühler werdenden Abend.
    Was für ein Kontrast von Innen und Außen!
    Obwohl ich manche Dinge im Moment gerne anders hätte, ich würde mein Leben auf gar keinen Fall gegen ein anderes tauschen wollen.

    Habt ihr euch das schon mal überlegt?
    Mit wem würdet ihr euer Leben gerne tauschen?
    Nicht nur kurz! Für immer!

    Rummelplatz
  • Gestatten….

    …mein Name ist Arschloch.
    Ich bin der Krebs in Susannes Brust und mittlerweile verdammt sauer, was hier so abgeht! Bei meinem Einzug bin ich davon ausgegangen, dass das hier ´ne leichte Nummer wird, aber so langsam ….ey, ich weiß net!
    Am Sonntag hab´ ich gedacht, „jetzt haste sie in die Knie gekriegt, yeah!“. Ich hab´ nen riesen Aufruhr in ihrem Körper produziert, wow, war voll begeistert von mir selber! Die war so richtig schön fertig mit der Welt, krass geiles Spektakel! So mag ich das!!
    Da kommt die auf die Idee, ihre arme  Familie in ein Orgelkonzert in eine Kirche zu schleppen! Nee, oder?! Boah, ist mir schlecht geworden. Mozart, würg! Bach, ich krieg´s Kotzen!!
    Ihr ging´s besser und besser und mir? Scheiße, ey! Dann fahren bei der so Glücksgefühle hoch, oh mann, und für mich wird´s voll anstrengend!

    Okay, für die erste Runde gebe ich mich geschlagen. Die ist wieder viel zu gut drauf, da reiß´ ich erstmal nix mehr. Aber wir haben ja noch 5 Nummern! Wir sehen uns!!

    So, und wie macht man jetzt den Abgang hier? Keine Ahnung…..ist ja auch egal………

    Orgelkrebs

    Zeichnung: Jochen Schwemm

  • What about the hair?

    Wenn man ´ne Krebsi ist, darf man auch richtig tolle Sachen machen, zum Beispiel in einen Perückenladen gehen. Hätte ich sonst nie gemacht, und ein kleines bisschen fand ich die Vorstellung sogar ganz lustig. Wie ich wohl aussehen werde mit so einem Ding auf dem Kopf? Im Laden werden mein Mann und ich sehr freundlich in Empfang genommen und gleich nach nebenan geleitet. Ich darf mich auf einen Stuhl vor einen großen Spiegel setzen und los geht´s.
    Die Dame umrundet mich mit fachmännischem Blick und befindet:
    „Ihre Frau hat einen großen Kopf!“
    Oha, ein leiser Verdacht überfällt mich.
    „Na ja, Ihre Frau ist ja auch groß, da kann sie nicht so einen kleinen Apfelkopf oben drauf haben!“
    Sehr charmant, vielen Dank. Wie nennt sie Köpfe mit meinen Ausmaßen?
    „Da müssen wir mal schauen!“
    Ja, bitte! Ich fürchte, auf Kopfmaße wie meine sind sie nicht vorbereitet. Ich bekomme eine schwarze Haube übergestülpt, und meine Haare werden untendrunter gewurschtelt. Sitzt ganz schön press, die Angelegenheit. „So, das hält ja schon mal!“ Ich bin erleichtert. Vor allem, weil sie mir die Haube nicht vorne übers Gesicht zieht und mich mit einer Knarre nach nebenan in die Bank schickt. Erste Perücke drauf. Aha. Interessant. Ungewohnt. (Mein armer Mann!) Sie haben sogar noch eine zweite für mich. Die Haube hält gerade noch. Und eine dritte! Das war´s dann aber schon. Die Dame schickt ihre Kollegin nach nebenan, um den Katalog mit den Perücken in Größe L zu holen. „Die anderen Perücken können wir Ihnen leider nicht anprobieren. Ich kann sie ja nicht zerreißen!“ Vielen Dank für den Hinweis, dass ich ein schwieriger Fall bin. Sehe ich aus, als ob ich das von ihr verlangt hätte? Als sie mir die dritte Perücke abnimmt, macht es FLOPP und das schwarze Häubchen springt erleichtert nach oben. Ich springe auch erleichtert nach oben und beschließe, das Thema Perücke nochmal zu überdenken.

    Papierstruwwelpeter
    Vielleicht doch lieber so! 🙂
  • Hast du sie noch alle?
    Tassen

    Alle Tassen im Schrank?
    Alle Wäscheklammern auf der Leine?
    Alle Socken in der Schublade?
    Da ich immer wieder gefragt werde, ob mir die Haare schon ausfallen: Ich schaue jeden Morgen nach dem Aufwachen auf dem Kopfkissen nach, da war bisher noch nix Auffälliges zu sehen.
    Ab und zu ziehe ich mal an den Haaren, aber nee, sind noch fest.
    Die lustige Frau im Perückenladen mit dem enormen Verbesserungs-Potenzial an Umgangsform, Höflichkeit und Einfühlungsvermögen hatte mir prophezeit, dass genau 14 Tage nach der 1. Chemo die Haare ausfallen. Das wäre diesen Mittwoch. Ich bin gespannt.

    Ich weiß ja, dass die Haare peu à peu ausfallen werden, aber dennoch……………………………habe ich da so eine kleine, vollkommen bescheuerte Vorstellung in der hintersten Ecke meines Hinterkopfes:
    Ich stehe in einem Einkaufsladen mitten in einer langen Schlange an der Kasse, da macht es plötzlich ganz leise „FLUFFFFFF“ und alle meine Haare liegen auf dem Boden. Alle. Komplett. Obenrum: Total nackig. Und keine Fluchtmöglichkeit. Betretenes Schweigen um mich herum.

    Die zweite beknackte Vorstellung geht so:
    Es gibt doch dieses Headbanging, bei dem man so herrlich schwungvoll die Mähne schleudert. In meiner Vorstellung mache ich diese Headbanger-Sache und beim Aufwärts-Schwung passiert es dann: Es macht „WUSCHHHHHHHHHHH“ und meine Haarpracht fliegt geschlossen davon gen Zimmerdecke. Endeffekt derselbe: Oben ohne.

    Vielleicht sollte ich ab jetzt immer eine Mütze dabei haben.
    Für den Notfall.

  • Sssssssssss….

    Heute Abend gönne ich mir noch was besonders Feines! So schön ich es finde, den ganzen Tag in der Hitze unterwegs zu sein – die Abendzeit ist mir fast noch lieber. Was haben wir denn hier? Wunderbar! Riecht ein kleines bisschen exotisch. Perfekt, heute ist mein Tag! Der Tag, an dem ich was ganz Neues ausprobiere! Oha! Interessante Geschmacksrichtung. Oh là là, das ist wirklich mal was ganz anderes! Wow, sowas ist mir noch nie untergekommen………..äh……..hallo da drüben, hast du auch schon mal hier……….ohhhh, mir wird irgendwie……….also das ist ja schon ein bisschen………..saust alles………dreht sich alles…………huiiiii, starkes Zeug…………ein kleineres Schlückchen wäre vielleicht……….urgs, glaub´ das is nich so gut für………uaahhh………glp.

    Bin ich jetzt eigentlich giftig für Stechgetier? Wen kann man sowas fragen? Ich weiß, es ist ein kleines, völlig unwichtiges Detail. Kam mir so beim Abendspaziergang in den Kopf, als sich alle Stechviecher auf meinen Mann gestürzt haben und kaum eins auf mich.

  • Ein haarfeiner Unterschied

    Es ist eine Sache, sich vorzustellen, wie es wohl sein wird ohne Haare. Wie man aussehen wird, wie sich die Kopfhaut anfühlen wird, wie es sein wird, mit Kopftuch, Mütze oder Perücke unter die Leute zu gehen.
    In meiner Vorstellung habe ich mich total lässig gesehen. Ist halt jetzt so! So viele Menschen haben Krebs, na und? Abgesehen davon, dass es mich ganz schön nervt, dass die doofe Perückentante recht hatte (jedenfalls in meinem Fall), es ist …………………….ganz ganz komisch.
    Ich weiß, dass es bescheuert war zu denken, ich würde drumherum kommen. Aber diese kleine, absurde Hoffnung war tatsächlich da.
    Also gut, dann…………….beginnt jetzt der nächste Teil meiner aufregenden Entdeckungsreise. Eine Zeit lang ohne Haare. Oder so rum ausgedrückt: Mit Glatze.
    Hätte ich freiwillig nie im Leben gemacht.
    Ich hätte mir auch niemals die Haare kurz schneiden lassen.
    Tja. Vielleicht bin ich dem Krebs ja tatsächlich dankbar für diese Erfahrungen, wenn alles überstanden ist und ich zurückblicke auf meine aufregende, spannende und überraschende Zeit. Wer weiß?

    Pinselstrich
  • Aus meiner Sicht

    Im Haus geschehen seltsame Dinge.

    Die Hausherrin, die mich bisher eher flüchtig beehrt hat, stand heute fast den ganzen Tag vor mir. Zuerst habe ich sie mit nassen Haaren gesehen, das war bisher durchaus mehrmals in der Woche üblich. Die vielen Haare in der Bürste nach dem Kämmen schienen ihr nicht besonders gefallen zu haben, wenn ich ihren Gesichtsausdruck richtig deute. Das Föhnen der Haare verlief auch wie bisher üblich, nur dass diesmal die Bürste überdurchschnittlich voll mit Haaren war. Dann war die Hausherrin verschwunden.
    Plötzlich stand sie wieder vor mir und betrachtete sich kritisch, wobei sie auffällig oft an ihren Haaren zupfte. Schon war sie wieder weg. Und genauso schnell wieder da!  Diesmal mit einer Schere in der Hand, das war mir ganz neu. Strähne für Strähne schnitt sich die Hausherrin alle Haare kurz. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein erfreutes Lächeln, das ließ mich stutzen. Wie gesagt, bisher bekam ich sie nur flüchtig zu sehen, und gelächelt hat sie fast nie.
    Daraufhin sah ich sie mit demselben Apparat in der Hand, mit dem sie ihrem Mann immer die Haare stutzt. Damit fuhr sie sich über ihren Kopf, hin und her, kreuz und quer. Ihre Haare waren jetzt ungefähr 5 mm lang und sie lächelte sich schon wieder an!
    Mit ihren Händen überprüfte die Hausherrin ihre neue Oberfläche am Kopf und setzte dann den Apparat ein zweites Mal an. Danach waren ihre Haare nahezu komplett weg.

    Jetzt kommt das Seltsamste des ganzen Tages: Das Lächeln der Hausherrin wurde immer breiter, und plötzlich brach sie in ein schallendes Gelächter aus, sie konnte gar nicht mehr aufhören! Es war ein überaus freudiges, erleichtertes, glückliches Lachen. Das habe ich wirklich noch nie erlebt!
    Den Rest des Tages sah ich sie mit den verschiedensten Tüchern in allen möglichen Farben und Formen. Aber immer nur kurz, dann war sie verschwunden, um bald darauf mit einer neuen Stoffvariante aufzutauchen. Ich muss sagen, ihre neue Frisur gefällt mir durchaus an ihr. (Jetzt sieht sie ihrem Vater noch ähnlicher, aber das bleibt bitte unter uns!) Was ich jedoch überhaupt nicht verstehen kann, ist, dass sie sich dem Anschein nach mit Haaren nie so gut gefiel wie ohne Haare. Das ist mir bei Frauen bisher noch nie vorgekommen.

    Wie gesagt, es geschehen seltsame Dinge hier im Haus.

    Spiegelbild
  • Unter Leute

    Auweia, das erste Mal raus unter Leute!

    Es ist ein bisschen so, als ob man eine neue Frisur hätte (was ja irgendwie auch stimmt). Also nicht nur ein kleines Stück kürzer, sondern so richtig. Von ganz lang auf ganz kurz zum Beispiel. Werden mich alle anstarren? Und sich ihren Teil denken? Werden alle sofort wissen, dass ich Krebs habe?
    Ein kleines bisschen feige bin ich ja schon. Statt dem üblichen Lebensmittelladen wähle ich einen, in dem ich eher selten bin. Der aber an diesem Tag ganz zufällig auf dem Weg liegt 🙂
    Für meinen ersten Ausflug mit „neuem“ Kopf habe ich mich besonders schön gemacht, mit meinem Lieblingskopfputz. Ich gefalle mir selber richtig gut! Und ich beschließe, dass alle Leute, die mich angucken, mich mindestens genauso toll finden. Sie werden nicht gucken und denken, „oh, sie hat Krebs“, sondern „wow, sie sieht schön aus!“.

    Und wie ist es tatsächlich?
    Gar nicht so schlimm wie befürchtet. Die meisten nehmen mich gar nicht so besonders wahr, viele sind einfach beschäftigt mit ihren Angelegenheiten. Und da ich selber auch nach meinen Sachen schaue, habe ich überhaupt keine Zeit, zu „kontrollieren“, ob mich jemand anstarrt.

        • Mit der Zeit wächst Gras drüber

          „Kann man den Krebs irgendwann vergessen?“ Das habe ich damals eine Bekannte gefragt, die ein paar Jahre eher als ich an Brustkrebs erkrankt war. Nach dem Motto: Behandlung erfolgreich abgeschlossen, Thema erledigt. Heute ist mir die Frage an die Bekannte im Nachhinein äußerst peinlich. An schlechten Tagen. An guten Tagen kann ich mich mit einem milden Lächeln und wohlwollender Nachsicht betrachten und mich freuen, dass ich damals so optimistisch war. (Und immer noch bin.) Mittlerweile weiß ich, dass ich den Krebs niemals vergessen werde. In meinen Gedanken ist er immer da, manchmal mehr, manchmal weniger im Vordergrund. Allein schon die Narbe, die ich jeden Tag im Spiegel sehe, die fehlende Brust, die Prothese, Tabletten, die ich täglich nehmen muss, Vorsorge-Untersuchungen….
          Menschen in meinem Umfeld erkranken an Krebs. Gelegenheiten, mir Hallo zu sagen, hat der Krebs viele. Ich finde das oft sehr anstrengend. Ängste und Sorgen tauchen immer wieder auf, und ich muss irgendwie damit fertig werden.
          So ist das wohl mit einschneidenden Erlebnissen, sie bleiben Teil der Persönlichkeit, sie verändern sie, lassen sie reifen. Auf der anderen Seite reift aber auch die Gewissheit und der Stolz darauf, etwas Schweres bewältigt zu haben. Das hilft mir, bei den vielen „kleinen“ Sorgen, die im Leben immer wieder auftauchen, viel gelassener zu reagieren.
          Meine Mutter, die ebenfalls an Brustkrebs erkrankt war, hatte mir gesagt, dass sie die Zeit auch schön fand. Das konnte ich damals kaum glauben, doch heute geht es mir genauso. Die schlimmen Sachen sind weitgehend in den Hintergrund getreten, die Erinnerung an die vielen schönen Seiten ist präsenter. Wie bei einer Geburt: Man weiß noch, dass es irgendwie schmerzhaft war, aber viel besser kann man sich an die Freude über das eigene Kind erinnern. Ein toller Mechanismus!