Superkräfte

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Die Landschaft ist so schön. Irgendwie unwirklich, wie eine Zeichnung in einem Kinderbuch. Ein Weg führt mich durch grüne Hügel, vorbei an Häusern, die besonders aussehen. Sie stehen schräg, manche haben ganz hohe, spitz zulaufende Dächer, lustige Fensterläden. Sie stehen da wie hingewürfelt. Dazwischen Bäume mit kugeligen Baumkronen.

Meine Schritte werden schneller, immer schneller, und plötzlich spüre ich tief in mir eine seltsame Kraft, die in mir aufsteigt. Es fühlt sich an, als ob sie mich emportragen wollte, höher und höher werden meine Schritte, immer weiter vom Boden entfernt. „Nein!“, schreit es in meinem Kopf, „ich will auf dem Boden bleiben, ich kann doch nicht fliegen!“

Aber die Kraft in meinem Inneren wird immer größer und stärker, ich kann mich nicht dagegen wehren. Meine Füße berühren kaum noch den Boden, und auf einmal fliege ich. „Ich kann nicht fliegen, das geht doch nicht!!“, schreit es wieder in meinem Kopf. Doch diese unbekannte Kraft trägt mich einfach, manchmal lässt sie ein kleines bisschen nach, wenn es in meinem Kopf ganz besonders laut schreit, aber sie verlässt mich nie ganz. Ich fliege! Und wache auf.

Der Klassiker, es war nur ein Traum. Ich bin noch ganz mitgenommen, der Traum war so intensiv und das Aufwachen so abrupt. Mich beschleichen Ängste. Was soll dieser Traum bedeuten? Engel können fliegen. Soll das heißen, dass ich bald ein Engel sein werde, der in den Himmel fliegt? Werde ich den Krebs nicht überleben?

Diese Vorstellung macht mir schwer zu schaffen. Habe ich etwa mein Ende geträumt? Die Onko-Psychologin hat eine andere Idee. „Wie wäre diese Idee für Sie,“, fragt sie, „Ihnen wachsen Superkräfte, die Sie durch die Zeit Ihrer Krankheit tragen. So starke Kräfte, dass Sie sogar fliegen können!“.

Das ist eine wunderbare Idee, die gefällt mir viel besser! Eine große Welle der Erleichterung durchflutet mich. Mir fällt ein Spruch ein, den ich mal irgendwo gehört habe:

Jedes Ding hat zwei Seiten, und es lohnt sich, jedes Ding von zwei Seiten zu betrachten.

Das passt, finde ich. Man kann tatsächlich auch immer noch was Gutes finden. Macht ja nix, wenn man sich dafür manchmal ein bisschen Hilfe holt, wenn man selber nicht mehr weiterkommt.